Das Ereignis U2
4. August 2009, 21:46
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Das aktuelle Album habe ich seit Februar, die Karte seit April. Damals noch ewig lange hing bis zum Konzertereignis am 03. August. Seit gestern ist das Ereignis Geschichte – Konzertgeschichte. Und was für eine…

Zeitsprung in die Veltins-Arena.

21:15 Uhr. David Bowie’s “Space Oddity” ist gerade verhallt, da schraddelt “Breathe” unter großem Jubel schnörkellos an und entfesselt damit eine 120minütige visuelle wie akustische Opulenz. Dennoch ist die erste Konzert-Viertelstunde mit “No Line on the Horizon” und “Magnificent” noch lange nicht so schweißtreibend wie noch vor vier Jahren. Doch dann wütet die Single “Get On Your Boots” durch die Arena. Ich bleibe dabei: der Song ist definitiv der bessere Opener als “Breathe”.

Es folgt “Beautiful Day” – wie wahr – und Bono leistet sich ein Coversnippet des Songs “Mensch” seines Freundes Herbie. Als “E-LE-VA-TION” die Halle rockt, will die brodelnde Menge Bono nach dem Ende des Songs erneut zum Einstimmen bewegen… es klappt. Szenenapplaus! Das von ihm als “Spacejunk” bezeichnete Bühnengebilde, das eher an eine Krake erinnert, leuchtet, strahlt, blinkt in allen Farben.

Nach knapp einer halben Stunde geht die Band mit “I Still Haven’t Found What I’m Looking For” und “Stuck In A Moment” zum ersten Mal auf Kuschelkurs. Die 74.000 Fans lauschen andächtig und hängen Bono an den Lippen. Der Applaus fällt dann auch entsprechend üppig aus. U2 stimmen ein weiteren Song aus dem aktuellen Album an: “Unknown Caller”. Doch als die ersten Takte zu “The Unforgettable Fire” erklingen, brechen alle Dämme. Das extatische Freudengeschrei kennt kein Ende. Großartig gemacht, Jungs! Den Song wieder zu live zu hören macht richtig Spaß.

Als wäre das noch nicht genug, schütteln uns “City Of Blinding Lights” und anschließend “Vertigo” so richtig durch. Allerdings himmelt The Edge mitten im Song seinen Verstärker. Aber Bono bleibt ganz und gar Profi und spielt behände über die Situation hinweg. Lacher. Wieder Szenenapplaus. Und die vier lassen sich nicht lumpen und starten “Vertigo” noch einmal. Recht so!

Mit dem folgenden “I’ll Go Crazy If I don’t Go Crazy Tonight” beweisen sie, dass sie ebenfalls gute Dancefloor-Remixe produzieren können, die auch noch Live satt rüberkommen. Die Menge tanzt sich um den Verstand.

Jetzt beginnt das, worauf wahrscheinlich alle insgeheim gewartet haben: die politische Show des Paul Hewson. Larry’s Trommelfeuer zu “Sunday Bloody Sunday” ballert los. Einsetzendes Gekreische der Verzückung. Der Innenraum kocht, wabert, schwitzt. Bei “Pride (In the Name Of Love)” ist die Hölle los: “O-oho-Oh!” brüllt  aus den 74.000 Kehlen. Die Atmosphäre brodelt… mit mind. 360 Grad. Bono holt sie alle wieder runter und haucht zart eine Strophe des über 25 Jahren alten Songs “MLK” in das Stadionrund.

Er widmet anschließend “Walk On” der Oppositionsführerin Burma’s, Daw Aung San Suu Kyi, die in dieser Woche wohl ihr vernichtendes Gerichtsurteil erfahren wird. Mit einer großen, wie verhältnismäßig leisen Aktion kommen etwa 50-100 Voluntäre mit ihrem Bild als Gesichtsmaske auf die Bühne. Stiller Protest! WOW!

Bono aber will noch mehr. Er will den “Milky Way” mithilfe unserer aller Handydisplays kreieren. Kann er haben. Mehrere tausend beleuchtete Telefone zaubern ein wahres Lichtermeer. Eine fast weihnachliche Stimmung legt sich über alles. Hätte nicht gedacht, dass mich einmal beleuchtete Handydisplays derart begeistern werden… Feuerzeuge waren gestern! Gänsehaut, wenn es ginge, selbst im Gesicht…

Als Friedensnobelpreisträger und Erzbischof Desmond Tutu per Einspieler von der Videowall für eine bessere Welt appelliert, taucht sich die Bühne in ein glutrotes Licht. Jeder weiß, was nun seit dem “Rattle & Hum”-Video folgt: “Where the Streets Have No Name”. Rasende Begeisterung! Die Fans gröhlen was die Stimmbändern hergeben. Bono muss gar nicht mehr singen. Wir nehmen ihm den Job ab.

Der grandiose und herrlich melancholische Song “One” beendet den offiziellen Konzertblock. Minutenlang klatschen die Zehntausenden frenetisch und fordern eine Fortsetzung.

Nach einigen Minuten werden sie für ihre schmerzenden Handinnenflächen belohnt. Effektvoll (mit leuchtender Kutte) starten Bono und seine Jungs den Klassiker “Ultra Violet”. Eine weitere Perle von der “Achtung Baby”. Jetzt folgt der wohl schönste U2-Song “With Or Without You”. Ein Song, bei dem man die ganze Welt umarmen möchte.

Zielgerade. Schließlich beendet das neue “Moment Of Surrender” eine Show, bei der hinsichtlich der Perfektion und dem schier grandiosen Bühnenbau die Superlative auszugehen scheinen. Eine Show einer Band, die von nicht wenigen als weltbeste Liveband tituliert wird. Nach dem Fest heute, weiß man auch wieder einmal, warum.

Während die sich vier Iren noch minutenlang zu allen Seiten der offenen Bühne unter tosendem Beifall für diesen “very special Evening” bedanken, verlassen wir berauscht das Fest hinaus in die Nacht.

Möge die Pause bis zum nächsten U2-Ereignis nicht wieder 4 Jahre andauern….

Wer noch nicht genug vom Konzert bekommen hat, der kann sich bei meinem Kumpel von Alfiswelt das Konzert noch einmal von seinem Standpunkt aus reinziehen. Da wir unterschiedliche Plätze hatten, fällt seine Sicht auf die Dinge dementsprechend anders aus – “Same, same, but different!”, wie der Engländer sagen würde.

Setlist (360°-Tour) Veltins-Arena, Gelsenkirchen – 03.08.2009:

1.      Breathe
2.      No Line On The Horizon
3.      Get On Your Boots
4.      Magnificent
5.      Mensch (Snippet)/Beautiful Day
6.      Elevation
7.      I Still Haven’t Found What I’m Looking For/Movin’ On Up (Snippet)
8.      Stuck In A Moment
9.      Unknown Caller
10.    The Unforgettable Fire
11.    City Of Blinding Lights
12.    Vertigo
13.    Ode To Joy (Snippet)/I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight (Remix)
14.    Sunday Bloody Sunday/Rock The Casbah (Snippet)
15.    Pride (In The Name Of Love)
16.    MLK
17.    Walk On/You’ll Never Walk Alone (Snippet)
18.    Desmond Tutu Speech

19.    Where The Streets Have No Name
20.    One/Mensch (Snippet)

21.    Ultra Violet (Light my Way)
22.    With Or Without You
23.    Moment Of Surrender

The Edge zerschießt seinen Verstärker (Video © by U2006com)

Weitere Links zum Thema:

Nachtrag: Im Schauprozess um die Oppositionelle Suu Kyi ist das Urteil soeben gesprochen worden. Sie erhält weitere 18 Monate Hausarrest. Grund für ihre Verurteilung ist die unerlaubte Aufnahme eines US-Bürgers auf ihrem Anwesen. Er selbst wurde ebenfalls für schuldig erklärt und zu 7 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Quelle: n-tv (Link)

2. Nachtrag: Medienberichten zur Folge ist Birma’s Oppositionelle und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi nach sieben Jahren Hausarrest wieder auf freiem Fuß. Militärbehörden übergaben ihr in ihrem Haus ihre Freilassungspapiere. Die Meldung ihrer Entlassung ist weltweit mit Erleichterung aufgenommen worden.

Quelle: n-tv (Link)


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